Sind Roboter die besseren Chefs?

Von Thomas Vašek

Stellen Sie sich vor, eines Tages kommen Sie morgens in Ihr Unternehmen – und niemand ist da. Kein Sekretariat, keine Buchhalter, keine Lagerarbeiter. Auf den Fluren herrscht gähnende Leere, man hört nur das leise Surren von Computern. In Ihrem Unternehmen gibt es keine Menschen mehr. Aber was macht Sie so sicher, dass Sie selbst, der Chef oder die Chefin, noch da sein werden? Vielleicht macht auch Ihren Job längst eine hyperintelligente Software, entwickelt in Mountain View, Kalifornien.
Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Digitale Technologien ersetzen immer mehr kognitive Fähigkeiten. Heute können Maschinen bereits Texte übersetzen, Logistikketten steuern oder Krankheiten diagnostizieren. Rund die Hälfte aller Jobs könnten in den nächsten Jahren der Digitalisierung zum Opfer fallen, sagt eine Studie der Universität Oxford.
Werden intelligente Technologien eines Tages auch Führungskräfte ersetzen? Und sind Roboter womöglich sogar die besseren Chefs?
Die Digitalisierung bedroht letztlich alle Tätigkeiten, die „vorhersagbar“, also berechenbar sind, meint der US-Autor Martin Ford in seinem Buch „Aufstieg der Roboter“. Die Frage ist also, ob auch der Job einer Führungskraft in diesem Sinne »vorhersagbar« ist. Das hängt offenbar davon ab, was man unter einer Führungkraft versteht. Wenn man dabei einen rationalen Akteur vor Augen hat, also einen streng vernunftgeleiteten Planer, Optimierer und Entscheider, dann ist schwer einzusehen, warum hinreichend intelligente Algorithmen nicht irgendwann auch solche Aufgaben übernehmen sollten.
Das hätte womöglich sogar viele Vorteile.
Intelligente Computerprogramme können unendlich viel mehr Informationen verarbeiten als Menschen, sie lassen sich nicht von Emotionen beeinflussen, sie sind nicht launisch, sie ermüden nicht. Solche »Chefs« würden kühle Sachentscheidungen treffen und Problem rational lösen, also in gewisser Weise fehlerfrei agieren.
In manchen Bereichen haben wir uns an Computer als »Chefs« längst gewöhnt. Man denke nur an Navigationssysteme, die uns durch den Strassenverkehr »führen«. Ganz selbstverständlich verlassen wir uns darauf, dass das System die richtigen Anweisungen gibt. Viele Autofahrer vertrauen heute mehr auf ihr Navi als auf ihre eigene Urteilskraft. Warum sollte das im Unternehmen anders sein?
Sicher: Von einer Führungskraft im Unternehmen erwarten wir heute nicht nur Rationalität und Sachverstand, sondern auch soziale Fähigkeiten wie Kommunikation oder Empathie. Und das können Computer heute noch nicht. Das heißt allerdings nicht, dass sie es nicht eines Tages können werden. Zumindest experimentell können Computerprogramme bereits heute ansatzweise Emotionen erkennen oder die Vertrauenswürdigkeit von Gesichtern beurteilen.
Es scheint also nicht undenkbar, Roboter auf die nötigen »social skills« einer Führungskraft zu trainieren.
Man könnte sich also sogar einen Roboter vorstellen, der alle wesentlichen Fähigkeiten eines exzellenten Chefs besitzt. Trotzdem gäbe es einen entscheidenden Unterschied. Wenn der US-Philosoph John Searle recht hat, dann hätte auch ein solcher Roboter kein Bewusstsein. Die Welt würde sich für ihn nach nichts anfühlen. Er besäße keinen eigenen Willen, keine Autonomie, kein Handlungsfähigkeit. In seinem Inneren wäre es dunkel, er würde einfach nur rechnen.
Ein solcher »Chef« wäre nur die Simulation eines Chefs – eine Art Zombie.
Ein solcher Zombie könnte vielleicht so tun, als würde er ein Unternehmen führen. Aber er würde es nicht wirklich führen. Und vor allem könnte er keinerlei Verantwortung übernehmen. Schließlich handelt es sich ja nur um ein seelenloses Computerprogramm. Selbst wenn Computer bessere Entscheidungen treffen als Menschen, selbst wenn sie fehlerfrei agieren, dürfen wir ihnen daher keine »Führungspositionen« anvertrauen.
Wir sollten ihre Fähigkeiten als Erweiterung unseres Geistes betrachten, sie in Zukunft vielleicht sogar als Assistenten, Kollegen und Partner anerkennen. Aber wirklich führen können nur Menschen, die sich dessen bewusst sind, was sie tun. Genau deshalb müssen wir die digitale Transformation vom Menschen aus denken, nicht von den Maschinen. Nicht weil wir schlauer oder effektiver wären, sondern weil nur wir Menschen willentlich und verantwortlich handeln können – mit allen unseren Fehlern.

1 Kommentar

  1. Ralph Luther sagt:

    Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem schönen Blog!
    Mein Kommentar ist viel zu lang geworden, was jedoch nur zeigt, dass mich Ihr Text ins grübeln gebracht hat!

    Und ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass Maschinen Erweiterungen unseres Geistes sind. Zumindest solange wie man unter unserem Geist eigentlich unsere geistigen Fähigkeiten meint.

    Nicht so ganz verstehe ich den den Satz: “…wir [müssen] die digitale Transformation vom Menschen aus denken,…”. Wir haben ja keine Wahl als “als Mensch zu denken”.

    Anderseits ist das wohl eher so gemeint:
    Jedes Gebiet von möglicher Aktion und Interaktion folgt seiner eigenen immanenten Logik. Ein Business-Chef, der die Gesetzte des Marktes grob missachtet schadet sich und seiner Firma in wirtschaftlicher Weise. Somit wäre ein wirtschaftlich guter (fähiger) Boss, eine Instanz, die möglichst rational handelt, daher nach den Regeln der Marktlogik. Ergo kann eine Maschine, die ausschließlich rational handelt (bzw. rational handeln muss, da sie so konzipiert wurde) ein guter (wirtschaftlicher) Boss sein.
    Mit dem Satz “…wir [müssen] die digitale Transformation vom Menschen aus denken,…” starten Sie nun einen Aufruf dafür, dass Führungspositionen nur von Menschen besetzt werden können. Das lässt jedoch zumindest die Möglichkeit zu, dass Führungspositionen mit der jeweiligen Gebietslogik brechen und somit wirtschaftlich schlecht handeln. Was wiederum zu moralisch bösen Situationen führen kann (z.B. Auslösen der Finanzkrise 2007/8).
    Ihre Aussage basiert auf der Annahme, dass Menschen Verantwortung übernehmen können und Maschinen nicht, da nur Menschen Seelen haben und Maschinen leer sind.
    Da schnuppere ich schon doch Teleologismen und Präpositionen, die eher schwierig sind.

    Ich denke, dass Verantwortung als moralisches Konzept zu kompliziert und belastet ist, um valide zu sein, da sich hierbei die Paar Gut & Böse (moralisch) und Gut & Schlecht (Bewertung nach Maß der Gebietslogik) zu sehr vermengen. Könnte man nicht eher behaupten, dass das Menschen zu kreativen Gedanken fähig sind und deswegen in einer menschengemachten Welt bessere, weil menschlichere, Entscheidungen treffen. Kreativität als Grund anzunehmen liegt nicht besonders fern. Vor allem in der Digitalisierung! Das Menschen durch Automatisierung Jobs einbüßen ist nichts neues. Nur was nicht erwähnt wird, ist das dadurch auch viel mehr neue Jobs kreiert werden. Die Gesamtanzahl an Jobs ist heute höher als je zuvor! Besonders Arbeiten in der Digitalisierung erfordern ein hohes Maß an Kreativität, sowohl bei Programmieren, Marketing-Agenten, sozialen Referenten, Ingenieuren, Lehrern, etc.

    Eine gute originelle Idee zu haben ist heute womöglich wichtiger, als alles andere. Ideen zu entwickeln ist kreativ! Kreatives Vermögen als Grundvoraussetzung für Führungspositionen anzunehmen, anstatt Verantwortungsfähigkeit ist nicht nur ein positiverer Ansatz sondern auch, meiner Meinung nach, zukunftsweisender und simpler! 🙂

    Viele Grüße und viel Spaß an der Arbeit!
    Ralph

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